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Rachel
Uchitel,
Journalistin
Gerade wenn alle Welt in Urlaub fährt, spürt sie, dass in ihrem Leben
nichts mehr so ist, wie es war. »Ich dachte anfangs immer, jeder würde
verstehen, was es heißt, den Partner zu verlieren«, sagt die 27 Jahre
alte Produzentin von »Bloomberg TV«. »Aber das Leben der anderen geht
einfach weiter, während ich ganz neu beginnen muss. Andy war der Mann,
den ich ein Leben lang gesucht hatte und mit dem ich den Rest des Lebens
verbringen wollte.«
Als Andy O'Grady, 32, geschäftsfuhrender Direktor bei der Broker-Firma
Sandler O'Neill, starb, waren sie gerade fünf Wochen verlobt und erst
zwei Tage von einem Trip nach Griechenland zurück. Jetzt sieht sie Kollegen
und Freunde in Urlaub fahren und bleibt allein zurück. Nur seine Stimme
hat sie noch im Ohr. Immer wieder hört sie den Satz, den er sagte, als
er noch einmal aus seinem Büro im 104. Stock anrief: »Ich habe gerade
einen gesehen, der aus dem Fenster gesprungen ist.«
Rachel Uchitel ist eines von vielen indirekten Opfern des 11. September.
Ihr verstorbener Partner verdiente deutlich mehr als sie. Wenn jemand
entschädigt werden solle, findet sie, dann auch die unverheirateten Partner.
Aber einen Anspruch hat sie natürlich nicht. Andy hat sein Vermögen seiner
Schwester vermacht. »Wenn Rachel wirklich bedürftig wäre und Andy sie
unterstützt hätte, würden wir das vielleicht auch tun«, sagt Andys Mutter.
»Aber sie ist jung. Ich glaube, sie wird jemanden heiraten, der einen
Haufen Geld hat.« Unter den vielen Briefen, die Rachel Uchitel erhalten
hat, war auch ein Heiratsantrag, von einem Arzt aus Frankreich. |
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Bob
Beckwith,
Feuerwehrmann
Er hat seine Meinung dann doch ein wenig ändern müssen über jenen Mann,
den er nicht gewählt hat. Über den man eher spöttelte, auch in Baldwin,
Nassau County. Bob Beckwith sagt heute: »Er ist ein guter Typ.« Er traf
den Präsidenten am 14. September. Beckwith, 70, seit acht Jahren pensioniert,
hatte zu seiner Frau früh am Morgen gesagt: »Ich muss dahin.« Seine Kinder
warnten: »Du bist viel zu alt.« Natürlich setzte er sich trotzdem in den
Saab und fuhr los. Schlug sich durch zu Ground Zero. Schnappte sich eine
Schaufel und grub und grub. Dann rief jemand: »Der Präsident kommt.« Beckwith
kletterte auf einen demolierten Feuerwehrwagen um den Mann besser sehen
zu können, den er nicht gewählt hatte. Ein Typ vom Geheimdienst mit Knopf
im Ohr fragte: »Hey, ist das sicher da oben?« Bob sagte: »Ja.« »Okay,
spring ein paar Mal auf und ab.« Und der alte Beckwith sprang auf und
ab. Dann sagte der vom Geheimdienst: »Gleich kommt der Präsident, du hilfst
ihm rauf. Dann verschwindest du.« Schon bog Bush um die Ecke. Bob reichte
ihm die Hand und wollte sich abwenden. Doch Bush sagte: » Sie bleiben
schön oben.« Der Rest, sagt Bob, ist Geschichte. Ein großer Zufall gewesen.
»Richtiger Ort, richtige Stelle.«
Er und Barbara, seit 45 Jahren verheiratet, sechs Kinder, wurden danach
eingeladen. Bob reiste bis nach Deutschland für eine Fernsehsendung. Das
Honorar spendete er einem Zentrum für Verbrennungsopfer. Traf zwei Cousinen,
die er seit 54 Jahren nicht gesehen hatte und die ihn im Fernsehen erkannten
. Und schließlich traf Bob noch einmal den »normalen Typen«. Im Weißen
Haus. Bob nahm seine Enkeltochter Megan, 11, mit. Und Bush schrieb der
Kleinen eine Entschuldigung: »Megan konnte heute am Unterricht nicht teilnehmen.
Sie war beim Präsidenten.« |
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Mike
Kehoe,
Feuerwehrmann
»Irgendwie hatte ich damals gleich das Gefühl, dass da keiner hochgehen
sollte«, sagt Mike Kehoe, 34. Schon die Anfahrt ans World Trade Center
war nur im Zickzack möglich, weil am Boden leblose Körper lagen, die vom
Himmel gefallen waren. Aber natürlich stürmte auch Kehoe vom Löschzug
28, East Village, New York, in den Nordturm. »Es ist unser Job, Menschen
zu helfen und Feuer zu löschen.«
Wie kaum ein anderes Foto versinnbildlicht der Schnappschuss von dem Feuerwehrmann
mit dem Bernhardinerblick den Horror in den zusammenbrechenden Türmen.
Und wie kaum ein anderes Foto ist es für die Amerikaner gleichzeitig zu
einem Symbol von Hoffnung und Mut geworden. Seither gilt Kehoe als Held.
Vermeintlich Wohlwollende verfolgten ihn mit Anrufen, schickten Schecks,
Whiskey, Gebete, Zigarren, stellten immer wieder die gleiche Frage: »Wie
viele hast du aus den Trümmern gezogen?« Kehoe weiß, dass ein Foto keinen
Helden macht. »Ich habe einen Menschen gerettet an diesem Tag, und das
war ich selbst, und zwar dadurch, dass ich um mein Leben gerannt bin.«
Kehoes Augen wirken noch trauriger als auf dem Foto, das ihn weltberühmt
machte. »Dass ich der einzige Firefighter bin, der da drin fotografiert
wurde, ist ein sehr, sehr seltsames Gefühl.« Anfangs habe das Bild geholfen,
mit allem fertig zu werden. Heute verwünscht Kehoe manchmal den Moment,
in dem John Labriola, Angestellter der Hafenbehörde, beim Abstieg von
seinem Büro im 71. Stock auf den Auslöser drückte. Einigen Kollegen war
der Wirbel darum zuwider, weil die sechs Verstorbenen der Wache in Vergessenheit
zu geraten schienen. »Die Arbeit ist meine Therapie«, sagte Kehoe. Doch
zwei Monate nach dem Attentat konnte er nicht mehr zur Wache gehen. Sein
bester Freund brachte ihn zu einem Therapeuten. Es half ein wenig. Auf
der Arbeit kommt er wieder klar. Mit seiner Frau fuhr er zum Dinner nach
Manhattan und kam erstmals auf den 11. September zu sprechen. Er sagte
zwei Sätze: »Ich glaube, ich sollte mich schuldig fühlen. Aber eigentlich
bin ich glücklich, am Leben zu sein.«
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Thomas
Franklin,
Fotograf
In
seiner Redaktion steht er vor einem Regal voller Kitsch. Plastikfiguren,
Christbaumschmuck, Schneegestöber. Das Motiv ist immer dasselbe: Drei
Feuerwehrmänner hissen die US-Flagge auf Ground Zero. Es ist sein Foto.
Und Raubkopierer haben ganze Arbeit geleistet. Die Rechtsabteilung von
Franklins Zeitung, dem »Daily Record« in Hackensack, New Jersey, sortiert
die schlimmsten Geschmacksentgleisungen aus. Franklin will verhindern
dass aus seinem Bild billig Profit geschlagen wird – alle Einnahmen fließen
in einen Wohltätigkeitsfonds. Das Foto rührte die Amerikaner wie kein
anderes. Es traf den Nerv der verwundeten Nation. Zehntausende von Briefen,
Karten und E-Mails hat Franklin danach erhalten. In jenem Augenblick,
um 17.01 Uhr des 11. September, war ihm nicht bewusst, dass er ein historisches
Dokument schaffen würde. Aus dem Bild entstanden Titelseiten, Poster,
Karten, Gemälde. Seit zwei Monaten ist sein Foto gleich millionenfach
unterwegs – als 45-Cent-Briefmarke. Die Geschichte dieses Bildes ist aber
auch eine Posse: Die drei Feuerwehrmänner Dan MacWilliams, George Johnson
und Billy Eisengrein hatten die Fahne von der Luxusyacht »Star of America«
konfisziert. Die Besitzer machten später Ansprüche auf das Tuch geltend.
Ohne Erfolg. Die Flagge gilt längst als nationale Ikone. Und das Foto
wurde Vorlage für eine Bronzestatue. Ethnisch sauber umgeschminkt, bildet
sie einen weißen, einen schwarzen und hispanischen Feuerwehrmann nach
– zu Franklins Entsetzen.
Er macht immer noch seinen Job als Fotoreporter. Heute ein Porträt, morgen
die neue Eishalle, zwischendurch Baseball. Nur im Telefonbuch steht er
nicht mehr. Zu viele Anrufe danach, auch merkwürdige. Amerikanische Soldaten
in Afghanistan sollen das Zeitungsfoto als Visitenkarte hinterlassen haben,
wenn sie eine Al-Qaeda-Höhle ausgehoben hatten. Nur: Auf dem Foto steht
Franklins Name drauf. |
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Marcy
Borders,
Bankangestellte
Dies ist ein guter Tag für Marcy Borders. An guten Tagen ist der Kühlschrank
einigermaßen voll, und Marcy traut sich auf die Straße. Besucht vielleicht
einen Freund um die Ecke oder ihre Cousine oder Schwester. Oder Tochter
Noelle, neun Jahre, die beim Vater lebt, seit die Mutter nur noch weinte
und auf dem Sofa lag und beim Grübeln nicht weiter kam als auf den Grund
der Bier- und Schnapsflaschen. Dies ist ein guter Tag für Marcy Borders,
weil sie einigermaßen flüssig erzählen kann und nur gelegentlich von Weinkrämpfen
geschüttelt wird und niemand anruft, der fragt: »Wie fühlst du dich?«
Monate hat sie darauf nur antworten können: »Wie am 12. September.«Dies
ist auch ein guter Tag, weil die Kopfschmerzen nicht so stark sind wie
sonst und sie kein Aspirin schlucken muss, »ich habe nie Aspirin genommen
vor dem Elften.« An schlechten Tagen wummert der Schädel, und das hat
nichts zu tun mit leeren Schnapsflaschen. Marcy trinkt zurzeit nicht mehr.
Sagt sie. Der Schädel wummert von der Wucht der Bilder. Ein immer gleicher
Film läuft da ab: Tote, Verletzte, Flugzeuge, Menschen, die aus den Türmen
springen, bevor die einstürzten. Es ist ihr Film, »ich kriege das nicht
aus dem Kopf«.
Marcy Borders ist krank. Sie benötigt dringend psychologische Hilfe. Aber
da ist niemand, der ihr hilft. Vielleicht wohnt sie im falschen Ort, Bayonne,
New Jersey, eine Schlafstadt auf der anderen Seite des Hudson-Flusses.
In New York, Luftlinie fünf Meilen, geben sie Abermillionen aus für die
psychologische Betreuung von Opfern des 11. September. Marcy Borders ist
eine junge, attraktive Frau von 29 Jahren. Ihre Augen sind matt, sie spricht
leise mit einer rauchigen Stimme. Sie sagt, dass sie einmal eine fröhliche
Frau war: »I was a Party-girl.« 1992 hat Marcy ihren Schulabschluss an
der Bayonne High School gemacht, sie studierte für kurze Zeit an der New
Jersey State University und machte einen Abschluss am »Chubb Institute«,
einer Schule für Büro-Management. »Ich hatte eine ganze Reihe von Jobs.«
Marcy Borders konnte immer gut mit Menschen. Dreimal in der Woche ging
sie in die Baptisten-Kirche, und gelegentlich half sie in der Suppenküche
und teilte Essen aus an Obdachlose. »Ich habe immer gegeben, immer.«
Sie lebte ein beschauliches Vorstadtleben im ärmeren Viertel von Bayonne,
zog ihre Tochter groß. Und vergangenes Jahr hatte sie Glück. Ihre Zeitarbeitsfirma
vermittelte ihr ein Angebot der »Bank of America«, New York City, World
Trade Center. Marcy mochte New York eigentlich nie. Sie hatte ihr Leben
lang Angst vor der großen Stadt auf der anderen Seite des Flusses. Hatte
immer Angst, dass etwas passieren könnte, etwa in der U-Bahn. Es gab und
gibt zu viele Verrückte in New York City. Marcy Borders war nie im Central
Park, nie in der Wall Street, sie hasste die Brücken und Tunnel. Sie kannte
Manhattan als Skyline. Sie sagt: »Ich war im ganzen Leben nur zweimal
drüben – zum Einkaufen.« Aber das Angebot als Büroassistentin war gut,
und es hätte ihr 40000 Dollar pro Jahr gebracht und damit finanzielle
Sicherheit für sich und die Tochter. Sie willigte ein. Marcy Borders trat
ihre Stelle am 12. August an. Sie steht am Kopierer im 81. Stock, als
das Flugzeug sich zwölf Etagen höher in den Nordturm bohrt. Der Tower
schwankt wie ein Schiff auf hoher See. Sie schreit, »ich dachte sofort,
das ist Krieg, eine Rakete hätte eingeschlagen«. Ein Kollege kommt auf
sie zu und sagt »Beruhige dich. Ein kleines Flugzeug hat uns gestreift.«
Und nichts würde passieren. Aber Marcy glaubt das nicht. Sie sieht ihre
schlimmsten Befürchtungen bestätigt. Panik erfasst sie, und die Panik
rettet ihr das Leben. Marcy beginnt unverzüglich den Abstieg durchs Treppenhaus.
Im 44. Stockwerk wollen Sicherheitsleute die Flüchtenden umdirigieren
zu einem Fluchtweg. Marcy weigert sich, sie steigt weiter ab. Im 33. Stockwerk
trifft sie den ersten Feuerwehrmann. Er hastet an ihr vorbei und mit großer
Sicherheit in den Tod. Im 25. Stock tropft Wasser aus den Wänden. Ein
Mann hinter ihr kehrt um. Sie geht weiter. »Ich fragte Gott: Was soll
ich tun?« Und sie entscheidet sich richtig. Abwärts, nur abwärts. Und
sie singt. Immer
und immer wieder singt sie ein Gospellied von Kirk Franklin: »My Life
is in your hands, You don't have to worry, And don't you be afraid. Oh
I know that I can make it.« Ich
kann es schaffen. Sie singt und singt. Und sie schafft es. Nach einer
Stunde und zwanzig Minuten erreicht die junge Frau den Ausgang. Die Rettungsleute
unten sagen: »Keine Panik.« Aber sie rennt. Und stolpert und fällt. Steht
wieder auf und läuft, fällt wieder. Dann hört sie ein Grummeln, und ein
Feuerwehrmann brüllt: »Rennt, rennt, dreht euch nicht um, rennt.« Es ist
der Moment, in dem der Südturm zusammenstürzt. Sie kreischt: »Ich will
nicht sterben!« Die Druckwelle reißt sie von den Beinen. »Alles war schwarz
um mich herum. Alles.
Ich glaubte ganz sicher, ich sei tot.» Marcy kann nichts sehen, der Staub
ist überall. Im Mund, in den Nasenlöchern. Auf dem ganzen Körper. Ihr
Kostüm – schwarzes Top, schwarzes Halstuch, beiger Rock – und die kniehohen
Wildlederstiefel sind nun weiß. Marcy spuckt Staub. Ein Mann tritt auf
sie zu. Er hat kein Hemd mehr an, sein Bauch ist dick, daran erinnert
sie sich. Der Fremde hilft ihr auf die Beine, hakt sie unter und geleitet
sie durch die Trümmer zu einem sicheren Gebäude. «Er war mein Schutzengel,
ohne ihn hätte ich es nicht geschafft.» Sie hat ihn danach gesucht, sie
hat alle möglichen Leute befragt. Sie glaubt, dass der fremde Mann mit
dem dicken Bauch wieder zurückgerannt ist, um anderen zu helfen, «vermutlich
ist er tot». Marcy lebt.
In dem Augenblick, als der Fremde kehrt macht, drückt der Fotograf auf
den Auslöser. Seitdem ist Marcy Borders »die Staubfrau«. Aber seitdem
ist sie berühmt. Seitdem ist ihr Leben ein Trümmerfeld.
Man erreicht Marcy Borders kleines Apartment über eine vermüllte Treppe.
Im Hausflur hängt ein Geruchsgemisch aus Essen, Hundescheiße und Urin.
An ihrer Tür klemmt eine kleine US-Fahne, und darunter pappt ein Aufkleber:
»09 – 11 – 01. Bayonne
Columbine Commitee. WE CARE«. Marcy sagt: »Kümmern?« Sie
lacht spöttisch. Zwei, drei Tage nach der Katastrophe, sagt Marcy, rief
die »Bank of America« bei ihr an. Man teilte ihr mit, sie habe eine Woche
Zeit, wieder zu sich zu kommen – »sonst werden Sie ersetzt«. Aber Marcy
kam nicht zu sich. Die Bank sagt, sie habe Mrs Borders andere Jobs angeboten,
jenseits der City, und sie habe abgelehnt. Marcy sagt: »Das stimmt nicht.«
Wort steht gegen Wort, aber das ist wahrscheinlich auch unerheblich, denn
die junge Frau war arbeitsunfähig. Über Monate traute sie sich nicht vor
die Tür. Lag auf dem Sofa, weinte, ließ die Wohnung verkommen, magerte
dramatisch ab, ernährte sich nur von Nudel-Hühnersuppe, »das Einzige,
was ich runterkriegte«. Ihr einstiger Lebensgefährte James – »er ist ein
guter Mann« – nahm die gemeinsame Tochter zu sich. Sie soff, um überhaupt
schlafen zu können – und ohne Albträume. Sie überlebt bis heute nur mit
dem Geld der Familie. Mehrmals kappte die Telefongesellschaft ihren Anschluss,
weil sie Rechnungen nicht bezahlen konnte. Sie sagt: »I am fucked up.«An
Halloween verkleidete sich ein Junge wie Marcy. Schüttete sich Staub über
die Klamotten und ging von Tür zu Tür, klopfte auch bei ihr. Sie brach
zusammen. Nachbarn sprayten »Dust Lady«, Staubfrau, an ihre Tür. Man machte
Witze über sie. Und also verschloss sie sich noch mehr. Lebte wie eine
Gefangene in den eigenen vier Wänden, 175 Dollar Miete. Ihre Mutter Ruby
beschimpfte sie regelmäßig am Telefon – »verdammt, komm endlich zu dir!
Lebe wieder! Such dir einen Job. Zerfließ nicht in Selbstmitleid. Du hast
überlebt!«
Aber Marcy Borders ist noch nicht so weit. Sie schwankt in ihren Stimmungen.
Hat gute und schlechte Tage. Sie braucht Hilfe. Sie suchte diese Hilfe
beim Roten Kreuz und bekam ein paar hundert Dollar. Aber sie bekam nicht
das, was sie brauchte: seelischen Beistand. Das Rote Kreuz von Bayonne
behauptet, man habe ihr mehrmals Hilfe angeboten. Auch die Behörden in
New Jersey und New York City erklären übereinstimmend, dass sie Mrs Borders
unterstützen wollten – erfolglos. Nur ist es ein uramerikanischer Irrglaube,
dass man mit Geld alles regeln kann und sogar kaputte Seelen reparieren.
Marcy ist eine Verliererin. Und Verlierer haben es schwer in Amerika.
Vor einigen Wochen rief sie im Weißen Haus an – aus purer Verzweiflung.
Und die Leute am anderen Ende der Leitung waren sehr freundlich; sie kannten
Marcy Borders natürlich, jeder kennt die Staubfrau. Nach zwei Tagen kam
ein Brief aus Washington auf feinem Papier: »Dear Mrs Borders, vielen
Dank, dass Sie Präsident George W. Bush für Unterstützung seitens der
Regierungsbehörden kontaktiert haben...« Dann listeten sie eine Reihe
von Hilfsorganisationen auf und versprachen rasches Handeln, und »der
Präsident übermittelt seine besten Wünsche«. Tatsächlich tauchten kurze
Zeit später zwei von der Heilsarmee auf und überreichten ihr einen Wust
von Formularen, die sie schon einmal ausgefüllt hatte. Behörden-Kauderwelsch
und Irrsinn zugleich. Marcy Borders muss offiziell beweisen, dass sie
am 11. September überhaupt die Katastrophe vor Ort überlebt hat. Und sie
muss beweisen, dass sie leidet. Die ganze Welt weiß das. Marcy hat Hunderte
von Briefen bekommen. Die Menschen schickten ihr Teddybären zum Trost,
und ein Mann aus England sandte sogar 500 Dollar. Das Mädchen Elizabeth
aus Piedmont Oklahoma schrieb ihr eine Karte: »Versuche zu lächeln.«
An guten Tagen lächelt Marcy. An guten Tagen holt sie sogar die Klamotten
aus der Plastiktüte, die sie am 11. September trug. Sie nennt die Sachen
»Luckiest dress«, Glückskleider, und will sie eines Tages der Tochter
schenken, wenn die besser versteht und nicht mehr fragt: »Warum weinst
du so oft? «An schlechten Tagen ist Marcy kaum ansprechbar. Dann denkt
sie unentwegt an neuen Terror, die Verrückten sind überall. Sie verlässt
die kleine Wohnung dann nicht. Und beginnt zu zittern, wenn ihr Ex-Freund
Rick in die Wohnung stürmt. Der sie – das kam hinzu – missbrauchte und
schlug, geschunden und elend, wie sie war. An schlechten Tagen kommen
die Albträume, und der Kopf schmerzt. Sie grübelt, wie es weitergehen
soll. Würde gern der Tochter was bieten, »etwas Besseres als mein Leben«.
Würde gern einen neuen Mann kennen lernen, der ihr zuhört und nicht zuschlägt.
Hätte gern verdammt noch mal nur einen einzigen Wunsch frei. Und was würdest
du dir wünschen, Marcy? »Eine ruhige Nacht.« |