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Letztes Update:
01.01.2012

Arbeitslos (Geschichten von 1996-2004)

Ich möchte hier und jetzt mal über etwas schreiben, das von vielen Leuten meist tabuisiert wurde oder einfach totgeschwiegen oder als schlecht angeschaut wird. Die Arbeitslosigkeit.

Es braucht keine grossen Worte, denn es kann wirklich jeden von uns treffen! Das ist alles andere als Illusion, sondern Realität. Vor allem im heutigen Zeitalter der Fusionen, Konkurse und teilweise der schlechten Geschäfte, kann es sehr schnell mal vorkommen, dass Leute entlassen werden und dann auf der Strasse stehen. Die Dunkelziffer der Arbeitsuchenden, die sich nicht melden, ist sehr gross. So entstehen finanzielle grosse Verluste und die Möglichkeit, auf irgendeine Weise unterstützt zu werden. 

Ich möchte hier mal meine Erlebnisse und Gefühle mitteilen, die ich mit meiner Arbeitslosigkeit erlebt habe.

Nach der Lehre (Sommer 1996)

Meist ist das ja schon ein schwerer Punkt, nach der Lehre. Einige haben das Glück und werden vom Lehrbetrieb übernommen, andere wiederum müssten sich nach einer neuen Stelle umschauen. Aber: wer nimmt in den meisten Fällen schon einen Lehrabgänger? Keine grosse Berufserfahrung, keine jahrelangen Stellen, wie stehen da schon die Karten für jemanden? Genau die Erfahrung musste ich auch machen.

Ich konnte nach meiner Lehre, die ich mit guten Noten abgeschlossen habe, nicht im Lehrbetrieb bleiben, obwohl mein Interesse und auch mein Arbeitswille da war. Schliesslich habe ich drei Jahre gelernt, wie man arbeitet und möchte das auch weiterhin machen können. So war ich gezwungen, eine Stelle zu suchen. Ich habe angefangen, mich zu bewerben. Es kamen Absagen um Absagen. Shit, dachte ich, was mach ich falsch hier? Ich habe einen Abschluss, der Wille zum Arbeiten ist da, war voller Tatendrang. Gut, die Zeiten damals waren nicht gerade die einfachsten, eine Stelle zu finden, schon gar nicht im Bündnerland. So versuchte ich weiterhin mein Glück, während das Ende meiner Lehre immer näher rückte.

Der letzte Arbeitstag war da. Und immer noch keine Stelle. Shit, was machst jetzt? Arbeitslos melden wollte ich mich auf keinen Fall, macht einen schlechten Eindruck. Dennoch hat mich meine Mutter dazu gebracht, mich anzumelden. Ich war dann noch weiter gezwungen, noch mehr Stellen zu suchen. Aber was will ich machen? Kein Betrieb will einen Lehrabgänger, alle wollen berufserfahrene Leute einstellen, nicht die kleinste Chance für einen Lehrabgänger.

Was noch dazu kommt. Als Junge Ende der Teenager Zeit gibts da ja noch ein anderes Problem, das die Mädchen in dem Alter nicht haben: genau, die Rekrutenschule. Die verhasste Rekrutenschule. Ich wollte auf keinen Fall hin, aber im Frühling 97 sollte es für mich soweit sein. Das war auch mit ein Grund, wieso mich keiner wollte. Logisch, eine Firma kann sich einen Unterbruch von 15 Wochen weniger leisten. Somit hagelte es Absage um Absage.

Fremder Kanton, fremde Chancen? (September 1996)

Nach dem Frust um die Stellensuche kam mir durch meinen Bruder die Idee, doch mal zu versuchen, woanders zu arbeiten. Ein anderer Kanton, vielleicht andere Chancen? Gesagt getan. Ich habe mich bei einem Vermittlungsbüro im Kanton Zug gemeldet. Ging hin, hatte das Gespräch und auch gleich ein Angebot in der Hand. Gibt es doch noch Firmen, die jemanden einstellen wollen, der auch gewillt ist, zu arbeiten?

Tatsächlich, schon nach kurzer Zeit konnte ich die ersten Schritte im Arbeiterleben schreiten. Gut, die Stelle war zwar nicht unbedingt ein Megabrüller, aber Spass gemacht hats allemal. Immerhin fühlte ich mich gebraucht und das war gut so. Ich habe vier Monate gearbeitet, dann war mein Einsatz auch schon zu Ende und es ging wieder zurück ins Bündnerland. Voller Tatendrang, dass ich jetzt ja schon über Berufserfahrung verfüge. Jetzt sollte es doch klappen.

Panik und Verlust (Januar - April 1997)

Denkste! Nichts sollte klappen. Der Marschbefehl für die Rekrutenschule flattert ins Haus. Nun ist es wohl definitiv. Aber nicht mit mir. Ich wollte erreichen, dass ich nicht ins Militär gehen muss. Ich wollte da nicht hin. Aber: es ist ungewiss, ob es klappt, muss damit rechnen, dass ich doch in die Frühlings-RS einrücken müsste. Das wirkt sich natürlich auch auf die Bewerbung aus. Ich hab mich dann wieder als arbeitslos gemeldet. Aber auch die Arbeitslosenkasse war keine grosse Hilfe. Du musst, du sollst, du musst.... nicht einen Schritt entgegenkommen. Niemals! Das ist das Bild, das mir damals die Arbeitslosenkasse vermittelt hatte. Kein Wunder, bei der Person, die einen in Empfang genommen hat. Eine Frau, die es erstens nicht nötig gehabt hätte, zu arbeiten, weil sie reich verheiratet ist und zweitens eine Person, die sicher niemals arbeitslos war. Dann wüsste sie bestimmt, wie es ist, erniedrigt zu werden.

Ich habe also weiter gesucht und gesucht und gesucht. Absage um Absage flatterte rein. Allmählich bekam ich Angst. Und eine Wut. Ich wollte arbeiten, ich könnte sofort arbeiten, wieso will mich denn keiner? Mein Selbstwertgefühl sank immer mehr. Ich wurde unzufrieden, fühlte mich nutzlos und nicht gebraucht. Psychisch war ich total down. Ich habe eine Lehre gemacht, kann und will arbeiten, aber niemand will mich einstellen. Ich fiel in ein tiefes Loch, Frust, Depressionen und Selbstmordgedanken tauchten auf und sollten mich noch lange begleiten.

Nebst dem psychischen kam auch das finanzielle Loch. Unwissend, dass die 70 % vom letzten Lohn, ab einer Dauer von 6 Monaten gingen, hatte ich nach meinen 4 Monaten Einsatz im Zugerland schlicht zuwenig lange verdient, als dass davon gerechnet wurde. Ich wusste das nicht. Somit fällts zurück auf den Lehrlingslohn. Es braucht keine grossen Finanzgenies, um zu rechnen, dass 70 % vom Lehrlingslohn hinten und vorne nicht reichen. Das Geld wurde auch knapp. Die Schuldenfalle grösser! Und immer noch kein Job in Aussicht.

Erlösung naht? (April - Juni 1997)

Im April kamen dann schon mal die ersten erlösenden Nachrichten. Ich hatte ein Gesuch gestellt um Verschiebung der RS, welches auch bewilligt wurde. Und eine Neubeurteilung konnte ich auch erreichen. Das Resultat daraus war dann, dass ich definitiv nicht in die RS und ins Militär gehen muss. Wunderbar. Also ist das schon mal kein Problem. Nun sollte es ja auch klappen mit der Stelle, oder?

Wiederum denkste! Es hat sich zwar daran geändert, dass ich nicht mehr in die RS gehen muss, aber die mangelnde Berufserfahrung war halt immer noch da. Durch das RAV (Regionale Arbeitsvermittlungszentrum) kam ich dann mindestens an einen befristeten Einsatz, den ich dann natürlich dankend angenommen hatte. Schliesslich geht es darum, zu zeigen, dass ich arbeiten kann.

Und das konnten wir. Eine Gruppe Leute, bunt gemischt und in der Arbeitslosigkeit, konnte beweisen, dass sie arbeiten kann. Das Lob kam postwendend. Klar, das war Balsam für die Seele. Versuche, doch in der Firma (Bankwesen) bleiben zu können, scheiterten an der Zeit. Es war Lehrabschlusszeit, somit haben die Lehrlinge der Bank vorrang. Verstand ich auch.

Back to the .... (September 1997)

Was einmal klappt, könnte ja auch ein zweites Mal klappen? Klar, ein Versuch ist es wert. Schliesslich hat es dann geklappt und ich konnte wieder im Zugerland arbeiten gehen, sogar bei der gleichen Firma. War ja alles schön und gut, hauptsache Arbeit und hauptsache Job!

Danach konnte ich mich mit diversen Temporärjobs über Wasser halten. Habe aber meine finanzielle Situation nicht aus den Augen gelassen. In den Wochen davor, als ich arbeitslos war, brauchte ich mein gesamtes Erspartes auf und habe meine Eltern angepumpt, weil ich mit dem Minimum von Geld schlicht nicht durchgekommen bin. Versucht mal, in einem Alter von Anfang 20 mit einem Lehrlingslohn auszukommen! Aber das soll es ja noch nicht gewesen sein.

Aus der Traum (Juni 1999)

Ich dachte noch, Anfang Mai, ich habe den Traumjob schlechthin geangelt. Guter Verdienst, praktischer Arbeitsweg, easy Job. Treuhandbüro, wollte ich immer ausprobieren. Ich hatte 1 1/2 Tage Einarbeitszeit und musste von da an alles richtig machen. Unrealistisch wie mein damaliger Chef war, war klar, dass es Zoff gab, weil es nicht geklappt hatte.

Nachdem die Situation mal eskaliert ist, und ich mir die Schikanen meines Chefs nicht mehr gefallen liess, hatte ich die Quittung am nächsten Morgen, einem Freitag morgen. Ich wurde per sofort freigestellt! Peng aus und amen. Ich konnte meinem Chef wenigstens noch eine Arbeitsbestätigung abluchsen. Die wollte er mir zuerst gar nicht geben. Aber da ich ja gleich am Montag auf die Arbeitslosenkasse gehen musste, wollte ich die gleich mitnehmen.

So kam es, dass ich wieder mal arbeitslos war. Aber diesmal war es um einiges schlimmer! Psychisch kein Schaden mehr, war ja noch genügend lädiert von 1997! Aber das finanzielle Loch wurde um einiges grösser. Meine Eltern haben finanziell mit mir mitgeblutet. Ich danke meinen Eltern hiermit für die finanzielle Unterstützung, die sie mir entgegengebracht haben. Es war nicht immer einfach! Schliesslich hab ich niemals damit gerechnet, dass ich so schnell meine Stelle verlieren würde. Ich war ruiniert und daran hab ich immer noch zu knabbern. Für Leute, die nie arbeitslos waren oder nie in einem finanziellen Engpass, ist sowas absolut unverständlich.

Harte Zeiten stehen an (Sommer 1999)

Eben, keine Stelle, im Moment schlechte Karten, viele Absagen wiederum und viele Vorstellungstermine mit anschliessender Absage, wunderbar, ich sehe rosige Zeiten für mich.

Wiederum drei Monate, wo ich finanziell auf dem trockenen Sitzen darf. Keine Chance kriege, mich zu beweisen, weil die lieben Firmen eben lieber auf Diplome, Ausbildung und so weiter schauen, als auf Zeugnisse und Möglichkeit, ob diese Person arbeiten kann oder nicht. Ich hab sogar schon angefangen, Sachen zu verkaufen, damit ich einigermassen zu Geld gekommen bin. Sparen konnte ich seit der ersten Arbeitslosigkeit nicht mehr und irgendwie Geld auf dem Konto hatte ich auch nie wirklich. Ging ja auch alles gleich wieder raus, wenn es drauf war.

So kommt es zustande, dass der Schuldenberg auf einen 5stelligen Betrag (in Zahlen xx'xxx CHF) anschwoll und das immer noch ist. Wenn ich keine Stelle kriegte und nur einen Minimalen Betrag Arbeitslosengeld, konnte ich natürlich nie etwas an der Situation ändern.

Aufstieg? (September 1999)

Mit etwas Glück hatte ich dann einen Vorstellungstermin in Rotkreuz. Die haben mich dann auch gleich sofort genommen. Wohl, weil sie dringend darauf angewiesen war, jemanden zu finden und ich ohnehin froh war, eine Stelle zu kriegen.

Was das psychische angeht. Immer noch mangelndes Selbstwertgefühl und von Selbstbewusstsein weit daneben. Finanziell, die Situation ist weiterhin oder immer noch angespannt, aber ich komm immer über die Runden, auch wenn die Zahlen auf den Konten immer auf rot sind.

glücklicher Ausstieg! (Dezember 2002 - Juni 2004)

Ein weiteres Mal darf ich mich stellensuchend nennen. Aber diesmal ist alles anders. Ich fühl mich so gut wie noch nie und es geht mir auch so gut wie noch nie, als ich stellensuchend war. In den letzten Monaten war es mehr eine Qual als Freude, arbeiten zu gehen. Aber das sind Dinge, die gehören jetzt nicht hierher.

Nach dem Ausstieg ging natürlich die Stellensuche los. Ich bin darauf vorbereitet, dass es sich um eine längere Zeit drehen könnte, der Arbeitsmarkt ist miserabel und die Chance, aus rund 300 Bewerbungen ausgewählt zu werden, ist 1:300 :-) Da braucht es sehr viel Glück und einige Vitamine.

Das kurze Problem, das ich hatte, war im Dezember. Dass mir das Arbeiten gefehlt hatte. Ich muss wohl erwähnen, dass ich festgestellt hatte, dass ich ein Workoholic war. Und von 120 % auf 0 % runterzuschalten, war am Anfang noch heavy. Aber mit der Zeit stellt man seine Gewohnheiten auf die Situation passend um.

Im Moment bin ich einfach fleissig auf Stellensuche, hoffe auf Vorstellungstermine und auf Glück, dass sich eine Firma für mich entscheidet. Und dazwischen geniesse ich die Zeit und lasse mich nicht runterziehen. Im Gegenteil!

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