Arbeitslos (Geschichten von 1996-2004)
Ich möchte hier und jetzt mal über etwas schreiben, das von vielen Leuten
meist tabuisiert wurde oder einfach totgeschwiegen oder als schlecht angeschaut
wird. Die Arbeitslosigkeit.
Es braucht keine grossen Worte, denn es kann wirklich jeden von uns treffen!
Das ist alles andere als Illusion, sondern Realität. Vor allem im heutigen
Zeitalter der Fusionen, Konkurse und teilweise der schlechten Geschäfte,
kann es sehr schnell mal vorkommen, dass Leute entlassen werden und dann
auf der Strasse stehen. Die Dunkelziffer der Arbeitsuchenden, die sich
nicht melden, ist sehr gross. So entstehen finanzielle grosse Verluste
und die Möglichkeit, auf irgendeine Weise unterstützt zu werden.
Ich möchte hier mal meine Erlebnisse und Gefühle mitteilen, die ich mit
meiner Arbeitslosigkeit erlebt habe.
Nach der Lehre (Sommer 1996)
Meist ist das ja schon ein schwerer Punkt, nach der Lehre. Einige haben
das Glück und werden vom Lehrbetrieb übernommen, andere wiederum müssten
sich nach einer neuen Stelle umschauen. Aber: wer nimmt in den meisten
Fällen schon einen Lehrabgänger? Keine grosse Berufserfahrung, keine jahrelangen
Stellen, wie stehen da schon die Karten für jemanden? Genau die Erfahrung
musste ich auch machen.
Ich konnte nach meiner Lehre, die ich mit guten Noten abgeschlossen habe,
nicht im Lehrbetrieb bleiben, obwohl mein Interesse und auch mein Arbeitswille
da war. Schliesslich habe ich drei Jahre gelernt, wie man arbeitet und
möchte das auch weiterhin machen können. So war ich gezwungen, eine Stelle
zu suchen. Ich habe angefangen, mich zu bewerben. Es kamen Absagen um
Absagen. Shit, dachte ich, was mach ich falsch hier? Ich habe einen Abschluss,
der Wille zum Arbeiten ist da, war voller Tatendrang. Gut, die Zeiten
damals waren nicht gerade die einfachsten, eine Stelle zu finden, schon
gar nicht im Bündnerland. So versuchte ich weiterhin mein Glück, während
das Ende meiner Lehre immer näher rückte.
Der letzte Arbeitstag war da. Und immer noch keine Stelle. Shit, was machst
jetzt? Arbeitslos melden wollte ich mich auf keinen Fall, macht einen
schlechten Eindruck. Dennoch hat mich meine Mutter dazu gebracht, mich
anzumelden. Ich war dann noch weiter gezwungen, noch mehr Stellen zu suchen.
Aber was will ich machen? Kein Betrieb will einen Lehrabgänger, alle wollen
berufserfahrene Leute einstellen, nicht die kleinste Chance für einen
Lehrabgänger.
Was noch dazu kommt. Als Junge Ende der Teenager Zeit gibts da ja noch
ein anderes Problem, das die Mädchen in dem Alter nicht haben: genau,
die Rekrutenschule. Die verhasste Rekrutenschule. Ich wollte auf keinen
Fall hin, aber im Frühling 97 sollte es für mich soweit sein. Das war
auch mit ein Grund, wieso mich keiner wollte. Logisch, eine Firma kann
sich einen Unterbruch von 15 Wochen weniger leisten. Somit hagelte es
Absage um Absage.
Fremder Kanton, fremde Chancen? (September 1996)
Nach dem Frust um die Stellensuche kam mir durch meinen Bruder die Idee,
doch mal zu versuchen, woanders zu arbeiten. Ein anderer Kanton, vielleicht
andere Chancen? Gesagt getan. Ich habe mich bei einem Vermittlungsbüro
im Kanton Zug gemeldet. Ging hin, hatte das Gespräch und auch gleich ein
Angebot in der Hand. Gibt es doch noch Firmen, die jemanden einstellen
wollen, der auch gewillt ist, zu arbeiten?
Tatsächlich, schon nach kurzer Zeit konnte ich die ersten Schritte im
Arbeiterleben schreiten. Gut, die Stelle war zwar nicht unbedingt ein
Megabrüller, aber Spass gemacht hats allemal. Immerhin fühlte ich mich
gebraucht und das war gut so. Ich habe vier Monate gearbeitet, dann war
mein Einsatz auch schon zu Ende und es ging wieder zurück ins Bündnerland.
Voller Tatendrang, dass ich jetzt ja schon über Berufserfahrung verfüge.
Jetzt sollte es doch klappen.
Panik und Verlust (Januar - April 1997)
Denkste! Nichts sollte klappen. Der Marschbefehl für die Rekrutenschule
flattert ins Haus. Nun ist es wohl definitiv. Aber nicht mit mir. Ich
wollte erreichen, dass ich nicht ins Militär gehen muss. Ich wollte da
nicht hin. Aber: es ist ungewiss, ob es klappt, muss damit rechnen, dass
ich doch in die Frühlings-RS einrücken müsste. Das wirkt sich natürlich
auch auf die Bewerbung aus. Ich hab mich dann wieder als arbeitslos gemeldet.
Aber auch die Arbeitslosenkasse war keine grosse Hilfe. Du musst, du sollst,
du musst.... nicht einen Schritt entgegenkommen. Niemals! Das ist das
Bild, das mir damals die Arbeitslosenkasse vermittelt hatte. Kein Wunder,
bei der Person, die einen in Empfang genommen hat. Eine Frau, die es erstens
nicht nötig gehabt hätte, zu arbeiten, weil sie reich verheiratet ist
und zweitens eine Person, die sicher niemals arbeitslos war. Dann wüsste
sie bestimmt, wie es ist, erniedrigt zu werden.
Ich habe also weiter gesucht und gesucht und gesucht. Absage um Absage
flatterte rein. Allmählich bekam ich Angst. Und eine Wut. Ich wollte arbeiten,
ich könnte sofort arbeiten, wieso will mich denn keiner? Mein Selbstwertgefühl
sank immer mehr. Ich wurde unzufrieden, fühlte mich nutzlos und nicht
gebraucht. Psychisch war ich total down. Ich habe eine Lehre gemacht,
kann und will arbeiten, aber niemand will mich einstellen. Ich fiel in
ein tiefes Loch, Frust, Depressionen und Selbstmordgedanken tauchten auf
und sollten mich noch lange begleiten.
Nebst dem psychischen kam auch das finanzielle Loch. Unwissend, dass die
70 % vom letzten Lohn, ab einer Dauer von 6 Monaten gingen, hatte ich
nach meinen 4 Monaten Einsatz im Zugerland schlicht zuwenig lange verdient,
als dass davon gerechnet wurde. Ich wusste das nicht. Somit fällts zurück
auf den Lehrlingslohn. Es braucht keine grossen Finanzgenies, um zu rechnen,
dass 70 % vom Lehrlingslohn hinten und vorne nicht reichen. Das Geld wurde
auch knapp. Die Schuldenfalle grösser! Und immer noch kein Job in Aussicht.
Erlösung naht? (April - Juni 1997)
Im April kamen dann schon mal die ersten erlösenden Nachrichten. Ich
hatte ein Gesuch gestellt um Verschiebung der RS, welches auch bewilligt
wurde. Und eine Neubeurteilung konnte ich auch erreichen. Das Resultat
daraus war dann, dass ich definitiv nicht in die RS und ins Militär gehen
muss. Wunderbar. Also ist das schon mal kein Problem. Nun sollte es ja
auch klappen mit der Stelle, oder?
Wiederum denkste! Es hat sich zwar daran geändert, dass ich nicht mehr
in die RS gehen muss, aber die mangelnde Berufserfahrung war halt immer
noch da. Durch das RAV (Regionale Arbeitsvermittlungszentrum) kam ich
dann mindestens an einen befristeten Einsatz, den ich dann natürlich dankend
angenommen hatte. Schliesslich geht es darum, zu zeigen, dass ich arbeiten
kann.
Und das konnten wir. Eine Gruppe Leute, bunt gemischt und in der Arbeitslosigkeit,
konnte beweisen, dass sie arbeiten kann. Das Lob kam postwendend. Klar,
das war Balsam für die Seele. Versuche, doch in der Firma (Bankwesen)
bleiben zu können, scheiterten an der Zeit. Es war Lehrabschlusszeit,
somit haben die Lehrlinge der Bank vorrang. Verstand ich auch.
Back to the .... (September 1997)
Was einmal klappt, könnte ja auch ein zweites Mal klappen? Klar, ein
Versuch ist es wert. Schliesslich hat es dann geklappt und ich konnte
wieder im Zugerland arbeiten gehen, sogar bei der gleichen Firma. War
ja alles schön und gut, hauptsache Arbeit und hauptsache Job!
Danach konnte ich mich mit diversen Temporärjobs über Wasser halten. Habe
aber meine finanzielle Situation nicht aus den Augen gelassen. In den
Wochen davor, als ich arbeitslos war, brauchte ich mein gesamtes Erspartes
auf und habe meine Eltern angepumpt, weil ich mit dem Minimum von Geld
schlicht nicht durchgekommen bin. Versucht mal, in einem Alter von Anfang
20 mit einem Lehrlingslohn auszukommen! Aber das soll es ja noch nicht
gewesen sein.
Aus der Traum (Juni 1999)
Ich dachte noch, Anfang Mai, ich habe den Traumjob schlechthin geangelt.
Guter Verdienst, praktischer Arbeitsweg, easy Job. Treuhandbüro, wollte
ich immer ausprobieren. Ich hatte 1 1/2 Tage Einarbeitszeit und musste
von da an alles richtig machen. Unrealistisch wie mein damaliger Chef
war, war klar, dass es Zoff gab, weil es nicht geklappt hatte.
Nachdem die Situation mal eskaliert ist, und ich mir die Schikanen meines
Chefs nicht mehr gefallen liess, hatte ich die Quittung am nächsten Morgen,
einem Freitag morgen. Ich wurde per sofort freigestellt! Peng aus und
amen. Ich konnte meinem Chef wenigstens noch eine Arbeitsbestätigung abluchsen.
Die wollte er mir zuerst gar nicht geben. Aber da ich ja gleich am Montag
auf die Arbeitslosenkasse gehen musste, wollte ich die gleich mitnehmen.
So kam es, dass ich wieder mal arbeitslos war. Aber diesmal war es um
einiges schlimmer! Psychisch kein Schaden mehr, war ja noch genügend lädiert
von 1997! Aber das finanzielle Loch wurde um einiges grösser. Meine Eltern
haben finanziell mit mir mitgeblutet. Ich danke meinen Eltern hiermit
für die finanzielle Unterstützung, die sie mir entgegengebracht haben.
Es war nicht immer einfach! Schliesslich hab ich niemals damit gerechnet,
dass ich so schnell meine Stelle verlieren würde. Ich war ruiniert und
daran hab ich immer noch zu knabbern. Für Leute, die nie arbeitslos waren
oder nie in einem finanziellen Engpass, ist sowas absolut unverständlich.
Harte Zeiten stehen an (Sommer 1999)
Eben, keine Stelle, im Moment schlechte Karten, viele Absagen wiederum
und viele Vorstellungstermine mit anschliessender Absage, wunderbar, ich
sehe rosige Zeiten für mich.
Wiederum drei Monate, wo ich finanziell auf dem trockenen Sitzen darf.
Keine Chance kriege, mich zu beweisen, weil die lieben Firmen eben lieber
auf Diplome, Ausbildung und so weiter schauen, als auf Zeugnisse und Möglichkeit,
ob diese Person arbeiten kann oder nicht. Ich hab sogar schon angefangen,
Sachen zu verkaufen, damit ich einigermassen zu Geld gekommen bin. Sparen
konnte ich seit der ersten Arbeitslosigkeit nicht mehr und irgendwie Geld
auf dem Konto hatte ich auch nie wirklich. Ging ja auch alles gleich wieder
raus, wenn es drauf war.
So kommt es zustande, dass der Schuldenberg auf einen 5stelligen Betrag
(in Zahlen xx'xxx CHF) anschwoll und das immer noch ist. Wenn ich keine
Stelle kriegte und nur einen Minimalen Betrag Arbeitslosengeld, konnte
ich natürlich nie etwas an der Situation ändern.
Aufstieg? (September 1999)
Mit etwas Glück hatte ich dann einen Vorstellungstermin in Rotkreuz.
Die haben mich dann auch gleich sofort genommen. Wohl, weil sie dringend
darauf angewiesen war, jemanden zu finden und ich ohnehin froh war, eine
Stelle zu kriegen.
Was das psychische angeht. Immer noch mangelndes Selbstwertgefühl und
von Selbstbewusstsein weit daneben. Finanziell, die Situation ist weiterhin
oder immer noch angespannt, aber ich komm immer über die Runden, auch
wenn die Zahlen auf den Konten immer auf rot sind.
glücklicher Ausstieg! (Dezember 2002 - Juni 2004)
Ein weiteres Mal darf ich mich stellensuchend nennen. Aber diesmal ist
alles anders. Ich fühl mich so gut wie noch nie und es geht mir auch so
gut wie noch nie, als ich stellensuchend war. In den letzten Monaten war
es mehr eine Qual als Freude, arbeiten zu gehen. Aber das sind Dinge,
die gehören jetzt nicht hierher.
Nach dem Ausstieg ging natürlich die Stellensuche los. Ich bin darauf
vorbereitet, dass es sich um eine längere Zeit drehen könnte, der Arbeitsmarkt
ist miserabel und die Chance, aus rund 300 Bewerbungen ausgewählt zu werden,
ist 1:300 :-) Da braucht es sehr viel Glück und einige Vitamine.
Das kurze Problem, das ich hatte, war im Dezember. Dass mir das Arbeiten
gefehlt hatte. Ich muss wohl erwähnen, dass ich festgestellt hatte, dass
ich ein Workoholic war. Und von 120 % auf 0 % runterzuschalten, war am
Anfang noch heavy. Aber mit der Zeit stellt man seine Gewohnheiten auf
die Situation passend um.
Im Moment bin ich einfach fleissig auf Stellensuche, hoffe auf Vorstellungstermine
und auf Glück, dass sich eine Firma für mich entscheidet. Und dazwischen
geniesse ich die Zeit und lasse mich nicht runterziehen. Im Gegenteil!
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