Depressionen: Lassen Sie sich nicht unterkriegen!
Die Zeiten sind schlecht: Der Stress am Arbeitsplatz
ist gross, die Angst vor Entlassung und sozialer Not wächst. Viele halten
dem Druck nicht stand. Aus der Angst wird eine Depression. Das muss nicht
sein. Mit der richtigen Hilfe kann man aus dem seelischen Tief finden.
Der ehemalige Bankangestellte Hans Jud ist einer, der es geschafft hat. Hans
Jud, 59, brach im Frühling 1993 zum ersten Mal zusammen. Mitten in der
Arbeit begann der damals 49-jährige Abteilungschef in einer Zürcher Bank
plötzlich am ganzen Körper zu zittern und war innert Sekunden schweissgebadet.
Hans Jud geriet in Panik und griff sich an sein rasendes Herz. «Ich dachte
das sei ein Herzinfarkt», erinnert er sich. Es war ein Nervenzusammenbruch.
Hans Jud, erfolgsverwöhnt, mit steiler Karriere, grossem Freundeskreis
und einer Eigentumswohnung in einer Villa mit Blick auf den Zürichsee,
stets aktiv und arbeitsam, «das Gaspedal ständig gedrückt», wie er sagt,
stiess zum ersten Mal an körperliche und seelische Grenzen. Umstrukturierungen
am Arbeitsplatz, Probleme mit Vorgesetzten sowie ein grosses Arbeitspensum
zerrten an den Nerven des Kaufmanns mit Notariatsausbildung: «Ich arbeitete
von sieben Uhr morgens bis neun Uhr abends.» Das war zu viel. Der
erschöpfte Kadermann musste sich einen Monat lang in einer Rehabilitationsklinik
erholen. «Zum ersten Mal in meinem Leben hatte ich eine Depression.» Zum
ersten Mal habe er sich mit existenziellen Ängsten auseinander setzen
müssen: Mit der Angst, nicht mehr leistungsfähig genug zu sein, mit der
Angst, krank zu werden. «Mich verliess das Selbstvertrauen.»
Angstbarometer steigt. Die Wirtschaftslage ist schlecht. Konkurse,
Entlassungen, Lohnkürzungen, Umstrukturierungen und steigende Arbeitslosenzahlen
beunruhigen die Menschen. Gemäss dem jährlich erscheinenden Angstbarometer
des GfS-Forschungsinstituts stieg die Angst der Schweizer in den letzten
sechs Jahren «in einem bis dahin nicht gekannten Ausmass». Es seien vor
allem «sozio-ökonomische und physische Ängste», die die Bevölkerung plagen.
Die Schweizer fürchten sich vor Arbeitslosigkeit, finanzieller Not, sozialem
Abstieg. Eine anhaltende, angstvolle Verunsicherung könne Menschen
so stark belasten, dass sie sich zunehmend erschöpft fühlten und in eine
depressive Stimmung geraten, bestätigt Daniel Hell, Direktor der Psychiatrischen
Universitätsklinik Zürich PUK. «Untersuchungen zeigen, dass die hormonelle
Verarbeitung von Stress bei depressiven Menschen geschwächt ist», sagt
Hell. Das heisst: Sie können weniger gut mit Belastungen umgehen. Die
Angst vor Arbeitslosigkeit muss zwar noch nicht in eine Depression führen,
ist jemand dagegen tatsächlich plötzlich arbeitslos, ist die Gefahr, in
das dunkle Loch zu fallen, gross. So hat eine Untersuchung in einer abgelegenen
Gegend in Norwegen gezeigt, dass die Schliessung eines Unternehmens in
der betroffenen Gemeinde zu einem deutlichen Anstieg der Depressionsfälle
führte, während deren Anzahl in der Nachbargemeinde, die keine Betriebsschliessung
zu beklagen hatte, niedrig blieb. Doch auch der wachsende Druck am
Arbeitsplatz kann laut Hell dazu führen, dass sich leichte depressive
Verstimmungen eher zu schweren Depression entwickeln. «Unter den wachsenden
Anforderungen im Job, zum Beispiel möglichst schnell zu arbeiten, fallen
Menschen mit Depressionen
heute rascher durch die Maschen der Industriegesellschaft als noch in
den florierenden Achtzigerjahren.» Als
Depression bezeichnet die Weltgesundheits-Organisation
(WHO) eine Niedergeschlagenheit von
mindestens zwei Wochen. Der Betroffene kann kein Interesse oder keine
Freude mehr für Aktivitäten aufbringen, die für ihn bisher angenehm waren.
Oft hat er auch Konzentrationsprobleme, Entscheidungsschwierigkeiten,
er verfällt in Grübelei, verspürt keinen Hunger mehr, hat Schlafprobleme
und setzt sich oft mit dem Tod auseinander. Während die Trauer -
etwa wegen des Verlusts einer geliebten Person - von einem «intensiven
Gefühl» der Traurigkeit begleitet wird, empfinden depressive Menschen
nur noch reduziert. «Es erscheint alles grau in grau», erklärt Hell. Und
zu dieser Gefühllosigkeit kommt meist noch Hoffnungslosigkeit. Der
Körper leidet mit Bei einer Depression
wird meist auch der Körper in Mitleidenschaft gezogen: Druck auf der Brust,
Magen- und Kopfschmerzen sowie Muskelverspannungen sind Begleiterscheinungen
einer Depression.
Probleme, sich zu konzentrieren, hatte fortan auch Hans Jud, der nach
seiner Kur wieder in die Bank zurückkehrte. Und vor allem sei er nicht
mehr belastbar gewesen, erzählt er. Hans Jud arbeitet trotzdem bald wieder
gleich viel wie vor seinem Zusammenbruch.Der Super-GAU geschah im Sommer
1998. Jud brach erneut zusammen. Dieses Mal kehrte er nicht mehr zur Arbeit
zurück. Der Aufsteiger fiel in eine schwere Depression.
Er konnte abends nicht einschlafen, morgens nicht aufstehen, ass und trank
kaum, blieb manchmal den ganzen Tag lang im Bett. Seine Ehefrau Ruth:
«Wenn ich abends von der Arbeit nach Hause kam, lag mein Mann manchmal
noch im Bett.» Andererseits war Hans Jud so unruhig, dass er stundenlang
in der Wohnung herum irrte und vor Verzweiflung
mit den Fäusten gegen die Wand schlug. «Das schlimmste waren die Panikattacken»,
erzählt Hans Jud. Er hatte Angst hinauszugehen, Angst, Telefone zu beantworten,
er kontrollierte immer wieder, ob die Haustüre, die Balkontüre und die
Fenster geschlossen waren. Als Antidepressiva und die ambulante Behandlung
nicht halfen und Hans Jud innerhalb kurzer Zeit zehn Kilogramm abgenommen
hatte, entschied er sich für eine Therapie bei Daniel Hell, der Professor
auf der Spezialstation für Depressionen
Depressionen und Angstkrankheiten in
der PUK ist. Ruth Wunderlin dachte, sie könne ihren Mann nach 14 Tagen
wieder nach Hause holen. Hans Jud blieb drei Monate.
Allein in der PUK in Zürich hat sich die Zahl der Behandlungen wegen Depressionen
in den letzten zehn Jahren verdreifacht. Letztes Jahr waren es über 600
Personen. Die Zunahme erklärt man sich einerseits durch den Tabubruch:
Wer einen Psychiater aufsucht, wird weniger schräg angeschaut. Andererseits
gibt es Studien, die besagen, dass die Zahl der Depressionen
seit dem Zweiten Weltkrieg zugenommen haben. «Heute lassen sich viel mehr
Menschen gegen Depressionen behandeln
als vor zehn Jahren», sagt Hell. Die häufigsten Auslöser von Depressionensind
schwere Verlustsituationen, zum Beispiel Verlust eines Partners durch
Tod oder Trennung. Oder eben ein Arbeitsplatzverlust. «Denn er löst nicht
nur finanzielle Sorgen aus, sondern führt auch zu Kontakt- und Prestigeverlust»,
erklärt Hell. Er erwartet, dass depressive Störungen noch zunehmen werden,
wenn die soziale Verunsicherung anhält. «Oder aber man nimmt noch mehr
Beruhigungsmittel und andere Stoffe ein», warnt der Zürcher Psychiater.
Viele Menschen konsumieren tagsüber antreibende Weckamine und nachts beruhigende
Schlafmittel. 25 Prozent beträgt die Depressionsrate in der Schweiz
gemäss einer Zürcher Studie. Das heisst, ein Viertel der Bevölkerung ist
schwermütig. Trotzdem wehrt sich Daniel Hell dagegen, die
Depressionen als Wohlstandserscheinung
abzutun. «Die höchsten Depressionsraten gibt es gemäss WHO-Studien in
Ländern, wo grösste Armut und soziale Not herrschen, zum Beispiel im afrikanischen
Zimbabwe.»
Allerdings, fügt Hell an, entstünden in armen Ländern Depressionen
wegen tatsächlichen Mangel- und Verlustsituationen, während es in wohlhabenden
Ländern wohl auch enttäuschte Erwartungen seien, die jemanden in ein Loch
stürzen lassen. Frauen erkranken nahzu doppelt so häufig an einer
Depressionen als Männer, wobei sich
bei jüngeren Menschen die Häufigkeit zwischen den Geschlechtern laut Daniel
Hell anzugleichen scheint. Dass Frauen häufiger depressiv sind, erklären
sich die Spezialisten einerseits damit, dass Frauen mit Haushalt und Kindererziehung
mehr Belastungen und Verlustsituationen ausgesetzt sind. «Untersuchungen
weisen zudem darauf hin, dass Frauen bei Belastungen eher ins Grübeln
kommen, während Männer ihren Frust abreagieren.» Und Frauen könnten besser
zu seelischen Problemen stehen. Familie und Freunde helfen Gegen
Depressionen ist niemand gefeit, doch
Familie und Freundschaften können etwas davor schützen. «Sozial eingebettete
und religiöse Menschen sind etwas weniger gefährdet, depressiv zu werden,
als isolierte und religiös ungebundene», betont Hell. Das könne auch ein
Grund sein, weshalb es in der westlichen Industriegesellschaft mehr Behandlungen
wegen Depressionen gibt. «Die Vereinzelung
erhöht möglicherweise das Depressionsrisiko.»
Auch Hans Jud war froh um seine verständnisvolle und geduldige Frau und
um «meinen grossen Freundeskreis». «Die Gespräche haben viel zur Genesung
beigetragen», ist er rückblickend überzeugt. Hans Jud konnte in Frühpension
gehen. Jetzt sei er zwar kein «Businessman» mehr, aber ohne Beschäftigung
könne er dennoch nicht sein. Jud engagiert sich unter anderem als Friedensrichter,
ist Vorstandsmitglied des Zürcher Senioren- und Rentnerverbandes, hat
die Selbsthilfegruppe «equilibrium» für Depressionskranke in Wädenswil
wieder zum Leben erweckt und: Er ist Mitglied des «Freiwilligen MitarbeiterInnendienstes»
der PUK, der psychisch kranke Menschen begleitet. Hans Jud kümmert sich
seit 1999 um eine 38-jährige früher schwer depressive Frau. Das ist
viel Arbeit. Jud lacht: «Heute kann ich meine Kräfte besser einschätzen.
Ich habe gelernt zu meinen Schwächen zu stehen und Nein zu sagen.»
Wenn die Freude verschwindet
- Symptome, die Anzeichen einer Depression
sein können
- Anhaltende depressiv-gedrückte Stimmung und (Zukunfts-)Ängste
- Kein Interesse und keine Freude mehr an Aktivitäten, die einst angenehm
waren
- Verminderter Antrieb oder gesteigerte Müdigkeit
- Verlust des Selbstvertrauens
- Selbstvorwürfe und ausgeprägte Schuldgefühle
- Wiederkehrende Gedanken an Tod oder Selbstmord
- Grübeln oder Gedankenkreisen ohne erleichternde Lösung
- Schwierigkeiten, Entscheidungen zu fällen
- Vermindertes Denk- und Konzentrationsvermögen
- Schlafstörungen, selten gesteigertes Schlafbedürfnis
- Appetit- und Gewichtsverlust, selten gesteigerter Appetit
- Abnahme sexueller Interessen
- Hartnäckige, nicht auf Behandlung ansprechende Beschwerden wie Kopfschmerzen,
Verdauungsprobleme, allgemeine Schwäche, Schwindel, chronische Schmerzen
Wo depressive Menschen Hilfe bekommen
- Person Ihres Vertrauens (Freund, Familie)
- Hausarzt,
- Psychiater,
- ambulante psychiatrische Dienste
Quelle: Schweizer Familie,
Ausgabe 21.08.2003; Seite 60; Nummer 34
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