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Letztes Update:
01.01.2012

Depressionen: Lassen Sie sich nicht unterkriegen!

Die Zeiten sind schlecht: Der Stress am Arbeitsplatz ist gross, die Angst vor Entlassung und sozialer Not wächst. Viele halten dem Druck nicht stand. Aus der Angst wird eine Depression. Das muss nicht sein. Mit der richtigen Hilfe kann man aus dem seelischen Tief finden.

Der ehemalige Bankangestellte Hans Jud ist einer, der es geschafft hat.
 Hans Jud, 59, brach im Frühling 1993 zum ersten Mal zusammen. Mitten in der Arbeit begann der damals 49-jährige Abteilungschef in einer Zürcher Bank plötzlich am ganzen Körper zu zittern und war innert Sekunden schweissgebadet. Hans Jud geriet in Panik und griff sich an sein rasendes Herz. «Ich dachte das sei ein Herzinfarkt», erinnert er sich. Es war ein Nervenzusammenbruch. Hans Jud, erfolgsverwöhnt, mit steiler Karriere, grossem Freundeskreis und einer Eigentumswohnung in einer Villa mit Blick auf den Zürichsee, stets aktiv und arbeitsam, «das Gaspedal ständig gedrückt», wie er sagt, stiess zum ersten Mal an körperliche und seelische Grenzen. Umstrukturierungen am Arbeitsplatz, Probleme mit Vorgesetzten sowie ein grosses Arbeitspensum zerrten an den Nerven des Kaufmanns mit Notariatsausbildung: «Ich arbeitete von sieben Uhr morgens bis neun Uhr abends.» Das war zu viel. Der erschöpfte Kadermann musste sich einen Monat lang in einer Rehabilitationsklinik erholen. «Zum ersten Mal in meinem Leben hatte ich eine Depression.» Zum ersten Mal habe er sich mit existenziellen Ängsten auseinander setzen müssen: Mit der Angst, nicht mehr leistungsfähig genug zu sein, mit der Angst, krank zu werden. «Mich verliess das Selbstvertrauen.» 

Angstbarometer steigt. Die Wirtschaftslage ist schlecht. Konkurse, Entlassungen, Lohnkürzungen, Umstrukturierungen und steigende Arbeitslosenzahlen beunruhigen die Menschen. Gemäss dem jährlich erscheinenden Angstbarometer des GfS-Forschungsinstituts stieg die Angst der Schweizer in den letzten sechs Jahren «in einem bis dahin nicht gekannten Ausmass». Es seien vor allem «sozio-ökonomische und physische Ängste», die die Bevölkerung plagen. Die Schweizer fürchten sich vor Arbeitslosigkeit, finanzieller Not, sozialem Abstieg. Eine anhaltende, angstvolle Verunsicherung könne Menschen so stark belasten, dass sie sich zunehmend erschöpft fühlten und in eine depressive Stimmung geraten, bestätigt Daniel Hell, Direktor der Psychiatrischen Universitätsklinik Zürich PUK. «Untersuchungen zeigen, dass die hormonelle Verarbeitung von Stress bei depressiven Menschen geschwächt ist», sagt Hell. Das heisst: Sie können weniger gut mit Belastungen umgehen. Die Angst vor Arbeitslosigkeit muss zwar noch nicht in eine Depression führen, ist jemand dagegen tatsächlich plötzlich arbeitslos, ist die Gefahr, in das dunkle Loch zu fallen, gross. So hat eine Untersuchung in einer abgelegenen Gegend in Norwegen gezeigt, dass die Schliessung eines Unternehmens in der betroffenen Gemeinde zu einem deutlichen Anstieg der Depressionsfälle führte, während deren Anzahl in der Nachbargemeinde, die keine Betriebsschliessung zu beklagen hatte, niedrig blieb. Doch auch der wachsende Druck am Arbeitsplatz kann laut Hell dazu führen, dass sich leichte depressive Verstimmungen eher zu schweren Depression entwickeln. «Unter den wachsenden Anforderungen im Job, zum Beispiel möglichst schnell zu arbeiten, fallen Menschen mit
Depressionen heute rascher durch die Maschen der Industriegesellschaft als noch in den florierenden Achtzigerjahren.» Als Depression bezeichnet die Weltgesundheits-Organisation (WHO) eine Niedergeschlagenheit von mindestens zwei Wochen. Der Betroffene kann kein Interesse oder keine Freude mehr für Aktivitäten aufbringen, die für ihn bisher angenehm waren. Oft hat er auch Konzentrationsprobleme, Entscheidungsschwierigkeiten, er verfällt in Grübelei, verspürt keinen Hunger mehr, hat Schlafprobleme und setzt sich oft mit dem Tod auseinander. Während die Trauer - etwa wegen des Verlusts einer geliebten Person - von einem «intensiven Gefühl» der Traurigkeit begleitet wird, empfinden depressive Menschen nur noch reduziert. «Es erscheint alles grau in grau», erklärt Hell. Und zu dieser Gefühllosigkeit kommt meist noch Hoffnungslosigkeit. Der Körper leidet mit Bei einer Depression wird meist auch der Körper in Mitleidenschaft gezogen: Druck auf der Brust, Magen- und Kopfschmerzen sowie Muskelverspannungen sind Begleiterscheinungen einer Depression. 

Probleme, sich zu konzentrieren, hatte fortan auch Hans Jud, der nach seiner Kur wieder in die Bank zurückkehrte. Und vor allem sei er nicht mehr belastbar gewesen, erzählt er. Hans Jud arbeitet trotzdem bald wieder gleich viel wie vor seinem Zusammenbruch.Der Super-GAU geschah im Sommer 1998. Jud brach erneut zusammen. Dieses Mal kehrte er nicht mehr zur Arbeit zurück. Der Aufsteiger fiel in eine schwere
Depression. Er konnte abends nicht einschlafen, morgens nicht aufstehen, ass und trank kaum, blieb manchmal den ganzen Tag lang im Bett. Seine Ehefrau Ruth: «Wenn ich abends von der Arbeit nach Hause kam, lag mein Mann manchmal noch im Bett.» Andererseits war Hans Jud so unruhig, dass er stundenlang in der Wohnung herum irrte und vor Verzweiflung mit den Fäusten gegen die Wand schlug. «Das schlimmste waren die Panikattacken», erzählt Hans Jud. Er hatte Angst hinauszugehen, Angst, Telefone zu beantworten, er kontrollierte immer wieder, ob die Haustüre, die Balkontüre und die Fenster geschlossen waren. Als Antidepressiva und die ambulante Behandlung nicht halfen und Hans Jud innerhalb kurzer Zeit zehn Kilogramm abgenommen hatte, entschied er sich für eine Therapie bei Daniel Hell, der Professor auf der Spezialstation für Depressionen Depressionen und Angstkrankheiten in der PUK ist. Ruth Wunderlin dachte, sie könne ihren Mann nach 14 Tagen wieder nach Hause holen. Hans Jud blieb drei Monate. 

Allein in der PUK in Zürich hat sich die Zahl der Behandlungen wegen Depressionen in den letzten zehn Jahren verdreifacht. Letztes Jahr waren es über 600 Personen. Die Zunahme erklärt man sich einerseits durch den Tabubruch: Wer einen Psychiater aufsucht, wird weniger schräg angeschaut. Andererseits gibt es Studien, die besagen, dass die Zahl der Depressionen seit dem Zweiten Weltkrieg zugenommen haben. «Heute lassen sich viel mehr Menschen gegen Depressionen behandeln als vor zehn Jahren», sagt Hell. Die häufigsten Auslöser von Depressionensind schwere Verlustsituationen, zum Beispiel Verlust eines Partners durch Tod oder Trennung. Oder eben ein Arbeitsplatzverlust. «Denn er löst nicht nur finanzielle Sorgen aus, sondern führt auch zu Kontakt- und Prestigeverlust», erklärt Hell. Er erwartet, dass depressive Störungen noch zunehmen werden, wenn die soziale Verunsicherung anhält. «Oder aber man nimmt noch mehr Beruhigungsmittel und andere Stoffe ein», warnt der Zürcher Psychiater. Viele Menschen konsumieren tagsüber antreibende Weckamine und nachts beruhigende Schlafmittel. 25 Prozent beträgt die Depressionsrate in der Schweiz gemäss einer Zürcher Studie. Das heisst, ein Viertel der Bevölkerung ist schwermütig. Trotzdem wehrt sich Daniel Hell dagegen, die
Depressionen als Wohlstandserscheinung abzutun. «Die höchsten Depressionsraten gibt es gemäss WHO-Studien in Ländern, wo grösste Armut und soziale Not herrschen, zum Beispiel im afrikanischen Zimbabwe.»

Allerdings, fügt Hell an, entstünden in armen Ländern Depressionen wegen tatsächlichen Mangel- und Verlustsituationen, während es in wohlhabenden Ländern wohl auch enttäuschte Erwartungen seien, die jemanden in ein Loch stürzen lassen. Frauen erkranken nahzu doppelt so häufig an einer Depressionen als Männer, wobei sich bei jüngeren Menschen die Häufigkeit zwischen den Geschlechtern laut Daniel Hell anzugleichen scheint. Dass Frauen häufiger depressiv sind, erklären sich die Spezialisten einerseits damit, dass Frauen mit Haushalt und Kindererziehung mehr Belastungen und Verlustsituationen ausgesetzt sind. «Untersuchungen weisen zudem darauf hin, dass Frauen bei Belastungen eher ins Grübeln kommen, während Männer ihren Frust abreagieren.» Und Frauen könnten besser zu seelischen Problemen stehen. Familie und Freunde helfen Gegen Depressionen ist niemand gefeit, doch Familie und Freundschaften können etwas davor schützen. «Sozial eingebettete und religiöse Menschen sind etwas weniger gefährdet, depressiv zu werden, als isolierte und religiös ungebundene», betont Hell. Das könne auch ein Grund sein, weshalb es in der westlichen Industriegesellschaft mehr Behandlungen wegen Depressionen gibt. «Die Vereinzelung erhöht möglicherweise das Depressionsrisiko.» 

Auch Hans Jud war froh um seine verständnisvolle und geduldige Frau und um «meinen grossen Freundeskreis». «Die Gespräche haben viel zur Genesung beigetragen», ist er rückblickend überzeugt. Hans Jud konnte in Frühpension gehen. Jetzt sei er zwar kein «Businessman» mehr, aber ohne Beschäftigung könne er dennoch nicht sein. Jud engagiert sich unter anderem als Friedensrichter, ist Vorstandsmitglied des Zürcher Senioren- und Rentnerverbandes, hat die Selbsthilfegruppe «equilibrium» für Depressionskranke in Wädenswil wieder zum Leben erweckt und: Er ist Mitglied des «Freiwilligen MitarbeiterInnendienstes» der PUK, der psychisch kranke Menschen begleitet. Hans Jud kümmert sich seit 1999 um eine 38-jährige früher schwer depressive Frau. Das ist viel Arbeit. Jud lacht: «Heute kann ich meine Kräfte besser einschätzen. Ich habe gelernt zu meinen Schwächen zu stehen und Nein zu sagen.»

Wenn die Freude verschwindet

- Symptome, die Anzeichen einer Depression sein können
- Anhaltende depressiv-gedrückte Stimmung und (Zukunfts-)Ängste
- Kein Interesse und keine Freude mehr an Aktivitäten, die einst angenehm waren
- Verminderter Antrieb oder gesteigerte Müdigkeit
- Verlust des Selbstvertrauens
- Selbstvorwürfe und ausgeprägte Schuldgefühle
- Wiederkehrende Gedanken an Tod oder Selbstmord
- Grübeln oder Gedankenkreisen ohne erleichternde Lösung
- Schwierigkeiten, Entscheidungen zu fällen
- Vermindertes Denk- und Konzentrationsvermögen
- Schlafstörungen, selten gesteigertes Schlafbedürfnis
- Appetit- und Gewichtsverlust, selten gesteigerter Appetit
- Abnahme sexueller Interessen
- Hartnäckige, nicht auf Behandlung ansprechende Beschwerden wie Kopfschmerzen, Verdauungsprobleme, allgemeine Schwäche, Schwindel, chronische Schmerzen

Wo depressive Menschen Hilfe bekommen

- Person Ihres Vertrauens (Freund, Familie)
- Hausarzt,
- Psychiater,
- ambulante psychiatrische Dienste

Quelle: Schweizer Familie, Ausgabe 21.08.2003; Seite 60; Nummer 34